„Mir ist sooo langweilig!“ – Warum Langeweile gut sein kann

Das Kinderzimmer ist voll mit Spielzeug, die Nachmittage gut ausgelastet und trotzdem hören Sie immer wieder diesen einen Satz: „Mit ist soooo langweilig!“ Warum diese Langeweile und was für einen Nutzen hat sie für die Kinder?

Die Ära des Zeitstresses

Vielen Menschen, die an ihre Sommerferien oder an freie Wochenenden zurückdenken, fällt ein, wie sie sich durch den „Gartendschungel“ geschlagen haben, mit den Kindern aus der Nachbarschaft Schnitzeljagd spielten oder ganze Nachmittage damit zubrachten, aus Stühlen und Decken eine Burg zu bauen. Heute sieht das oft anders aus. Die Kinder haben die modernsten und neusten Spielzeuge und die Terminkalender sind auch in den Ferien und an den Wochenenden gut gefüllt – das Sommercamp, der Judo-Wettbewerb oder der außerschulische Musikunterricht.

Die Eltern wollen ihre Kinder so gut und so früh es geht fördern, damit sie die besten Chancen im Leben haben. Dabei geht es den Eltern oft nicht anders als dem Kind: Sie sind durch die modernste Technik für Arbeitgeber, Familie und Freunde immer erreichbar, fahren mit dem Kind von Termin zu Termin und informieren sich, während sie in einer Schlange anstehen, wie sie ihre Zeit noch effektiver nutzen können. Langeweile zu empfinden ist in der heutigen Gesellschaft fast schon verpönt: es gibt immer was tun, immer was zu lernen, immer was zu erleben. Doch auch Langeweile erfüllt ihren Sinn und ist gerade wichtig für Kinder.

Langeweile fördert das Kind

Forscher und Erziehungswissenschaftler sind sich darüber schon länger einig: Langeweile fördert Kinder. Sie gehört zu den wichtigsten Triebfedern der kindlichen Entwicklung. Wenn die Langeweile einen auf sich selbst zurückwirft, fängt man an, sich mit den verschiedensten Gedanken zu beschäftigen. Manchmal sind es Situationen, die erlebt wurden und die in Gedanken noch einmal durchgegangen werden. Dabei fragen sich viele Menschen, wie sie das nächste Mal anders oder besser reagieren könnten. Auch Kinder denken über solche Situationen nach und können in einem Moment des Nichtstuns und der Langeweile auf diese Art das Geschehene verarbeiten.

Langeweile ermöglicht es den Kindern auch besonders kreativ zu werden, da sie fast schon gezwungen sind, neue Möglichkeiten zum Spielen zu finden. Wenn aus Langeweile heraus eine Burg gebaut wird, fangen die Kleinen an sich eine Traumwelt zu errichten. Es gibt eigene Regeln und immer wieder neue Situationen. Sie malen sich aus, wie der Garten zu einer Safarilandschaft wird, welche Bereiche besonders gefährlich sind und warum. Dies führt oft dazu, dass Kinder mehr über ihre „Traumwelt“ erfahren wollen und anfangen, sich über wilde Tiere oder Ritter zu informieren.

Eltern sind keine Entertainer

Sobald der Satz „Mir ist so langweilig“ fällt, unterbrechen viele Mütter und Väter womit sie gerade beschäftigt sind und schlüpfen in die Rolle des Entertainers. Das Kind wird gefragt worauf es gerade Lust hat, es werden Vorschläge gemacht, Spielzeug wird hervorgekramt und es wird versucht das Kind zu den unterschiedlichsten Aktivitäten zu animieren. Doch dabei lernen die Kinder häufig nur eins: sobald ihnen langweilig ist, gehen sie zu Mama und Papa – die werden es schon irgendwie richten. Die Kinder lernen nicht, selbständig zu spielen und sich ihren Ideen und Fantasien hinzugeben, da die Eltern diese Arbeit für sie übernehmen.

Geben Sie dem Kind kleine Anregungen. Ist das Kind gerade an Ritter und Prinzessinnen interessiert, geben Sie ihm Decken, aus denen es eine Burg oder ein Verlies bauen kann. Alte Sachen zum Verkleiden von Mama und Papa können die Fantasie dabei noch beflügeln. Das Kind malt gerne und liebt einen bestimmten Film? Fragen Sie das Kind, wie es glaubt, dass es in der Geschichte weitergehen könnte. Diese kann es durch selbstgemalte Bilder weitererzählen und seine ganze Kreativität und Fantasie dabei einfließen lassen.

Aber auch draußen gibt es viel zu entdecken: Ob man nun Blumen sucht, um sein eigenes Parfum herzustellen oder im Garten auf Safari geht und sich vor wilden Tieren schützt. Fragen Sie sich selbst: Wo kann ich mein Kind abholen? Wie kann ich seine Interessen einbinden? Aber auch: Wie gebe ich ihm nur einen kleinen Schubser und nicht gleich die gesamte Lösung des Problems?

Den Umgang mit der Langeweile kann man lernen

Zu Beginn wird es für das Kind schwierig sein, selbst neue Ideen und Spiele zu schaffen. Doch mit der Zeit wird das Kind immer geübter darin, da es sich und seine Welt besser kennenlernt. Oft hilft eine reizärmere Umgebung oder ein Spielzeug, das variabel einsetzbar ist. Ein leeres Blatt Papier mit Stiften oder Bausteine können den Einstieg manchmal erleichtern. Es sind Spielzeuge und Materialien, die den Kindern bekannt sind – sie sind jedoch bei jedem Spiel, bei jeder Fantasie anders einsetzbar. Heute wird eine Prinzessin gemalt, morgen ein Monster. Heute wird ein Haus gebaut, morgen eine Brücke.

Langeweile kann zu vielen neuen und interessanten Ideen führen. Doch vor diesen Ideen steht nun einmal diese frustrierende, lähmende und zermürbende Langeweile. Sie muss vorab ausgehalten und durchlebt werden – von Eltern und Kindern. Denn erst wenn der erste Frust überwunden ist, werden Burgen gebaut, Geschichten erfunden und Traumwelten geschaffen.

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